Prosa > Rezension zu: Was uns blüht


Allein oder mit andern leben?

"Was uns blüht", so heisst der vierte Roman von Theres Roth-Hunkeler. Was will dieser mehrdeutige Titel sagen? Eine Drohung oder eine Hoffnung?

Von Brigit Keller

Alma, eine Frau in den späten Vierzigern, wurde von ihrem Mann verlassen. Massimo, von Alma Dottore genannt, hat seine Frau auf tragische Weise durch einen Hausbrand verloren. Alma ist Lehrerin, Massimo war Gymnasiallehrer; er war mit seinen Schülern auf Maturareise als sich das Unglück ereignet hat, jetzt arbeitet er in der Landwirtschaft auf dem Hof des Bruders. Alma hat einen 23jährigen Sohn, Fab, der seit zwei Jahren in Island lebt, studiert, zeichnet, wissen will, "was mich eigentlich ausmacht".

Alma und der Dottore sind sich im Kino begegnet, treffen sich immer wieder im Kino. Nähe entsteht, aber zögerlich, belastet durch die erfahrenen Verletzungen. Sie wissen, eigentlich haben wir schon beide ein langes Leben hinter uns. Ist eine neue Liebe, die tragfähig ist, möglich? Kann das Leben, auch nach solchen Erschütterungen, weitergehen und wie? "Man beginnt immer wieder von vorne und immer wieder als Anfänger. Fortsetzung folgt. In Stichwörtern. Mit ein paar Stichen die Seele zusammennähen. Provisorisch." Aber Zweifel bleiben. Wie viele Fragen aneinander sind erlaubt? "Du schwankst", sagt sich Alma, "zwischen zutrauen und zumuten".

Die Suchbewegung auf einander hin vermag Theres Roth-Hunkeler eindrücklich zu zeichnen. Die tastende Annäherung wird durch die Erfahrungen weiterer Personen gesteigert. Wir als Lesende nehmen an diesem Suchen Teil, sind gespannt auf das Mögliche oder Nichtmögliche.

Alma möchte mehr wissen über die Vergangenheit. Doch Massimo kann nicht über seine verstorbene Frau sprechen. "Seine Erinnerungen seien tiefgefroren, sagt der Dottore." Er versuche aber, wieder zu leben. "Zimmere mir wieder ein Ich." Dabei hilft ihm wesentlich, dass er Eindrücke und Gedanken in ein Heft schreibt. "Fingerübungen. Kleinübungen des Lebens. Schriftproben. Man kann keine Abkürzungen machen, sagtest du vor kurzem." Darin sind sie sich einig.

Massimo will Almas Sohn Fab kennenlernen. Im Sommer 2007 reisen sie nach Island, treffen den Sohn, seine Freunde und Freundinnen, sind auf der Insel unterwegs. Doch auch hier holt die Vergangenheit sie ein. "Von draussen sind noch immer Vögel zu hören, seltsame und lang gezogene Laute, fast wie Klagen. Hast du in dieser abweisenden Landschaft landen müssen, bloss damit die abgeschlossenen Kapitel in einer Neuauflage wieder zum Vorschein kommen wie ein Stück Holz, das man vergeblich unter Wasser drückt?" Doch nicht nur das Tasten rund um die Beziehung wird beschrieben. Die Autorin zeichnet Bilder von Island, lässt die Lesenden "Winde von allen Seiten" erleben, beschreibt Wollgräser, Moos, Lupinen, das Meer, die Seeschwalben, Raubmöven…

Das Besondere dieses stillen, schönen Romans ist seine Vielstimmigkeit.
Theres Roth-Hunkeler lässt die Personen aus ihrer Perspektive sprechen und charakterisiert sie damit. Der Sohn Fab erzählt in einer direkten jugendlichen Sprache. Alma räsoniert mehr, sie spricht sich dabei gleichsam selber an, schafft sich ein Du und erzählt meist in indirekter Rede. Das Sprechen des Dottore wandelt sich im Laufe des Romans am stärksten; zuerst lässt er das Ich weg, spricht stakkatohaft. Nach dem Tod seiner Frau, sich selbst entfremdet, habe er "alles getan, um jeglichen Umgang mit sich selbst zu vermeiden". Später beginnt er seine Gedanken aufzuschreiben, sein Sprechen wird flüssiger und persönlich.

Die Vielfältigkeit der Sprech- und Erzählweisen schafft eine eigene Sprachmelodie. Die Autorin hat diese sorgfältig komponiert, die Melodie ist verhalten, Pausen erzeugen Stille, Durchlässigkeit.

Die Wechsel in der Art des Sprechens zeigen, wie sich die Beziehung zwischen Alma und dem Dottore entwickelt. Die leise Annäherung, meist in indirekter Rede erzählt, schlägt während der Islandreise vermehrt in direkte Rede um. Doch auch dann hört die sorgfältige Wortwahl in ihren Gesprächen nicht auf. Das Suchen nach der Form der Beziehung wird weitergehen, doch die Leichtigkeit hat zugenommen. Vieles bleibt schwebend, das Rätsel des Buchtitels löst sich nicht gänzlich auf.

Quelle: P.S., die linke Zürcher Zeitung

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  Website: Nina Stössinger

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