17. November 2019

Leise köcheln lassen

Wieder so ein Tag mit Nieselregen. „Es regnet weiter, ist Nacht und November“ – dies die Zeile aus einem Gedicht, Titel und Autor*in sind mir entfallen – nur diese eine Zeile hockt in meinem Hirn und sagt sich fort und fort und es bleibt und bleibt November. Und auf den Plätzen stehen schon die Weihnachtsbäume drohend in Position und bald schon können wir keinen Schritt mehr machen, ohne dass wir mit Jingle Bells eingedeckt werden. Ist es ein Trost, dass an diesem Wochenende, also die kommende Nacht, der Sternschnuppenhöhepunkt sein soll? Mir jedenfalls sind diese Sternschnuppen, sie heissen Leoniden, so was von schnuppe, die helfen ja auch nicht weiter, wenn einen der Novemberblues im Griff hat und die Energie selbst für das minimalste Stretching fehlt, geschweige denn dafür, nach den Sternen zu greifen. Was also tun? Im Bett liegen zu bleiben ist für eine notorische Lerche keine Option, Wechselduschen, Spagyrik, Chügeli und was die Natur uns auch immer für Wundermittel beschert, vieles schon ausprobiert, vergiss es. Das Einzige, was bleibt: In die Küche zu gehen, Gemüse in allen Farben zu putzen, zu schneiden, zu schnippeln, zu zupfen, zu zerkleinern, alles mit Werkzeug, das diesen Namen verdient, dazu Ólafur Arnalds Musik zu hören und sich an das Konzert von dieser Woche in Zürich zu erinnern und meinen jungen Freunden nochmals zu danken für das aufmerksame Ticket-Geschenk und weiter zu schnippeln und sich dabei vorzustellen, wen man einladen will zu soviel wärmender Suppe, die bald leise vor sich hin köcheln und ausser der Portion für heute in mehreren Gefässen im Tiefkühler landen wird, aber schon mal das ist ein erhebender Gedanke: Du kommst nach Hause, dir ist kalt, du bist hungrig und weisst nicht recht, worauf du Lust hast, sicher nicht auf Käsesandwichs, aber plötzlich fällt dir ein, da ist ja noch Suppe im Tiefkühler.
Die Küche habe ich bereits aufgeräumt und blättere meine Rezeptordner durch. Immer wieder stosse ich auf Christian Seilers Rezepte, die er wöchentlich im MAGAZIN publiziert. Es sind die einzigen, die ich nicht abwandle, sondern genau nach Vorgabe koche, also so, wie es auch im Buche steht. ‚Alles Gute, die Welt als Speisekarte‘, Echtzeit Verlag 2019 heisst nämlich Seilers neuestes Buch. Es ist kein Kochbuch, es ist ein Reisebuch, und darin geht es ums Essen. Seiler bereist die Welt, um zu essen und darüber zu berichten. Er kehrt überall ein, in die einfachste Osteria, in die kleine Kneipe im Nirgendwo und in die Sternenlokale der Hauptstädte, er kostet und probiert und haut auch mal so richtig rein und will immer den Dingen bzw. den Speisen auf den Grund gehen. Er spricht mit Köchen und Markthändlern, macht sich Überlegungen, was Nahrung und ihre Zubereitung in verschiedenen Ländern der Welt bedeutet, ja, es gibt auch Rezepte im Buch, auch Namen und Empfehlungen von Lokalen. Und vor allem gibt es wunderbare Illustrationen und Fotos in diesem ausserordentlich sorgfältig gestalteten Buch, das jedes Kapitel mit einer einfarbigen Seite abschliesst. Nur schon das Betrachten dieser leeren farbigen Seiten bringt das Novembergrau für ein Weilchen zum Verschwinden. Und ja, Weihnachten naht. „Alles Gute“!

Einen Kommentar

  • Theres Roth-Hunkeler sagt:

    Ein Freund hat meinem Gedächtnis auf die Sprünge geholfen – vielen Dank!
    Die zitierte Zeile stammt von Gerhard Meier in ‚Kübelpalmen träumen von Oasen‘ (1969) . Der ganze Text lautet wie folgt:

    Regen
    Regen fällt in die Pfützen, es gibt Ringe in die Pfützen. Züge warten auf das Startsignal, Reisende kehren zu sich selbst zurück. Häuser tun, als hätten sie was wider die Reisenden. Schausteller haben ihre Wagen an den Fluss gestellt, unter die Platanen. Es regnet weiter, ist Nacht und November.

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