Prosa > Rezension zu: Was uns blüht


Das Treibhaus zeigt sich als graues Meer

Theres Roth-Hunkeler erkundet in ihrem neuen Roman die Wachstumschancen, die eine Beziehung hat zwischen zwei Menschen, die bisher einem eher unfreundlichen Schicksal ausgesetzt waren.

Von Verena Stössinger

Es blüht nicht viel in Island; es wächst überhaupt wenig. Weder richtige Bäume, noch Getreide und Gemüse, eigentlich vor allem dünnes Gras. Wind und Kälte, Dunkelheit und Salzluft lassen nicht mehr zu. Doch in den Treibhäusern – die im Winterhalbjahr "wahre Bastionen von Licht" sind – bringen Technik und Erdwärme einen Ertrag hervor, so reich, dass er nicht einmal nur dem Nutzen dienen muss: da wachsen nämlich "in gigantischen Hors-Sol-Kulturen neben Paprika und Tomaten vor allem Blumen".

Das Bild kann durchaus stehen als Metapher für das, wovon Theres Roth-Hunkeler in ihrem neuen Roman "Was uns blüht" erzählt. Die Schriftstellerin erkundet die Wachstumschancen, die eine Beziehung hat zwischen zwei Menschen, die bisher einem eher unfreundlichen Schicksal ausgesetzt waren.
Alma ist nach längerer Ehe unverhofft von ihrem Mann verlassen worden und Max, der Dottore, hat bei einem Brand seine Frau verloren. Die beiden nähern sich einander vorsichtig an, erst in der Schweiz und dann auf einer Reise nach Island, wo Almas Sohn, der 23-jährige Fab, seit einer Weile wohnt und eigentlich studieren sollte.

Es wirkt wie eine Versuchsanordnung: zwei Menschen auf ihrer Suche nach unverlogenem und somit verdientem Glück. Das "Treibhaus", in das Alma und der Dottore dabei versetzt werden, besteht aus Weite, Stille und Unwegsamkeit: grauem Meer, schwarzem Fels, Geröll und Schotterpisten, einsamen Häusern und einer zugigen, "stetig eingeschleierten Landschaft" abseits fotogener Gletscher, Vulkane und Geysire. Hier finden die beiden, die lieber spröde sind als (zu) leicht beeindruckbar und zugänglich (denn "genauere Beobachtung fördert präzisere Enttäuschungen zutage"), etwas aufeinander zu, während Fab sich – angeregt durch die sehr dezente Anwesenheit der Mutter? – ein wenig neu zu orientieren beginnt. Sich umsieht, vielleicht neu verliebt, abgrenzt und ein paar Fragen (wieder) stellt. Es sind kleine Bewegungen und wohlüberlegte, die die Figuren machen; doch vermutlich ist es das Entschiedenste, was ihnen möglich ist. Damit überhaupt etwas "blüht".

Theres Roth-Hunkeler erzählt das einfühlsam und sehr genau. Ihre Sprache ist klug und schön und ebenso unbestechlich wie die Figuren. Erzählstränge und -zeiten, Haupt- und Nebengeschichten sind sorgsam ineinanderverflochten und variieren ihr Thema, wobei sich nur Fab als Ich-Figur zeigen kann. Den Dottore sehen wir durch die Augen von Alma, die von sich meist als von einem "du" spricht, so, als müsste sie sich selbst im Nachhinein des Erlebten noch versichern.

Quelle: Basellandschaftliche Zeitung, 14. November 2009

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  Website: Nina Stössinger

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