Prosa > Rezension zu: Was uns blüht


Versöhnliches Island

"Was uns blüht" heisst der neue Roman von Theres Roth-Hunkeler. Der Titel ist jedoch nicht als Drohung zu verstehen.

Von Gabriela Wild

Den 23-jährigen Fab hat es nach Island verschlagen und er denkt nicht daran, wieder in die Schweiz zurückzukehren. Wenn er schon in keine Zeit passt, so möchte er zumindest in einer Umgebung leben, die ihm einigermassen entspricht. Vor einigen Monaten haben sich Fabs Eltern getrennt und er ist froh, vor dem Vater ausgezogen zu sein, sonst wäre er bei seiner Mutter Alma hängen geblieben: "Man verlässt keine Verlassene." Im Kino begegnet Alma einem Mann, sie nennt ihn Dottore. Sie schauen sich nordische Filme an, von Regisseuren, die ihre Kinder sein könnten, und nähern sich einander behutsam an. Der Dottore erzählt nicht viel. Ein schwerer Schicksalsschlag hat sein Leben aus der Bahn geworfen. Für Alma eine Geduldsprobe, den attraktiven Mann aus seinem Trauerkokon zu befreien. Im Sommer 2007 beschliessen die beiden, Almas Sohn in Island zu besuchen.

Notizen im Allerleiheft
Theres Roth-Hunkeler, die lange Zeit in St. Gallen lebte und heute in Baar wohnt, komponiert in ihrem neusten Buch "Was uns blüht" eine poetische Sprachmelodie. Nicht die Handlungen, sondern die Stimmungen und Gedanken der einzelnen Figuren bestimmen die Erzählung. Dabei gelingt es der Autorin, jeder Figur einen eigenen Sprachfluss zu verleihen, um sie unverkennbar aus ihrer Perspektive sprechen zu lassen. Alma hält einen inneren Monolog. Erst wirkt dieser Gedankenstrom – eine Person, die sich ihre eigene Geschichte erzählt – etwas befremdlich. Roth-Hunkeler vermeidet aber, Alma Selbstgespräche führen zu lassen. Vielmehr ermöglicht sie auf diese Weise der Figur, die eigene Biografie mit Distanz zu reflektieren. "Vor deinem Umzug hattest du dir nichts sehnlicher gewünscht als einen Blick in die Zukunft. Weil deine Geduld mit der Gegenwart erschöpft war. Oh ja, du wusstest, das Wesen der Zukunft liegt darin, dass sie sich verbirgt. Aber du hättest gerne ein paar Kapitel übersprungen in deinem Leben. Zum Beispiel alle die nun wieder angesagten Premieren."

Seit dem Ereignis, wie der Dottore den Brand nennt, in dem er seine Frau verlor, fällt ihm das Erzählen schwer. Er macht Notizen in ein Allerleiheft: "In Stichwörtern. Mit ein paar Stichen die Seele zusammennähen. Provisorisch. Mit Heftfaden. Kleine Auslegeordnung." Mit der Zeit werden aus den Wörtern elliptische Sätze: "Nehme die Jahreszeiten wieder wahr und die Rufe der Vögel in der Frühe – über Jahre nicht mehr beachtet. Merke, dass die Tage wachsen. Das Licht wünscht gute Besserung." Bis schliesslich ganze Erzählungen das Allerleiheft füllen, woraus er Alma vorliest.

Fabs Sprache ist unverkrampft: "Meine Mutter hat aus ihrem Einzigkind einen eigensinnigen kleinen Helden gemacht. Ich habe alles getan, ihre mir zugedachte Rolle, etwas Besonderes zu sein, perfekt zu spielen. Und bin wohl zu weit gegangen. Nordwärts. Immer nordwärts. Ich könnte hier den Berufsstand der Nordreisenden gründen. Die Gewerkschaft der Träumer."

Verzögerte Wiedersehensfreude
Nachdem sich der Leser an das dichte Textgewebe aus drei verschiedenen Erzählperspektiven und eingestreuten Briefen, E-Mails und SMS gewöhnt hat, wird der Textfluss ruhiger. Inhaltlich geht die formale Veränderung mit der Ankunft von Alma und dem Dottore in Island einher. Die Autorin wechselt über längere Passagen in die auktoriale, also allwissende Erzählweise.

Die drei Hauptfiguren begegnen sich mit grosser Zurückhaltung. Je in ihre eigene Welt eingekapselt, sind sie zwar um Anknüpfungsversuche bemüht, fürchten aber die Enttäuschung eines (erneuten) Beziehungsscheiterns. Nur zögerlich gestehen sich Alma und Fab die Freude über das Wiedersehen ein. Allmählich akzeptiert Alma Dottores Schweigen über seine Vergangenheit. Fabs Freunde, die Künstlerin Bibi, die den Wind malt, die schöne Elin, mit der er zusammen ist, und der freakige Hillar, der seit Monaten versucht, eine Arbeit über Hörästhetik zu schreiben, bilden die schillernden Nebenfiguren in "Was uns blüht".

Der Titel ist nicht als Drohung zu verstehen. Die Insel mit der bizarren Landschaft und deren menschliche Interpretation wirken sich versöhnlich auf die Schweizer Protagonisten aus. "Es gebe hier riesige, geothermal beheizte Gewächshäuser, wahre Bastionen des Lichts, die sich in der dunklen Jahreszeit wie Kunstwerke ausnähmen", meint der Dottore. "In ihrem Innern wüchsen in gigantischen Hors-Sol-Kulturen neben Paprika und Tomaten vor allem Blumen. Ob das nicht schön sei?"

Quelle: Saiten, Ostschweizer Kulturmagazin, November 2009

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  Website: Nina Stössinger

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