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Das Schreiben braucht das Lesen

Bücher sind beliebte Weihnachtsgeschenke. Doch bis sie unter dem Baum liegen, ist es ein weiter Weg. Dies kann auch die Baarer Autorin Theres Roth-Hunkeler bestätigen.

Von Urs Bugmann (Interview)

Theres Roth-Hunkeler, Sie waren schon 39 Jahre alt, als Ihr erster Roman erschien. Sind Sie eine Spätzünderin?
Theres Roth-Hunkeler: Es war in der Tat ein später Start. Vorher hatte ich in Zeitungen und Zeitschriften das eine und andere veröffentlicht. Und 1991 wurde ich zum Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt eingeladen, als mein erstes Buch zwar abgeschlossen beim Verlag lag, aber noch nicht erschienen war.

Sie kehrten aus Klagenfurt mit dem 3sat-Stipendium zurück. Hat das Ihren Weg als Autorin beschleunigt?
Daraufhin interessierten sich sofort auch jene Verlage für mein erstes Buch, die das Manuskript zuvor abgelehnt hatten. Aber es war schon an den Lenos Verlag vergeben, der es dann auch veröffentlichte.

Nach dem Klagenfurter Preis haben Sie weitere Autoren- und Werkbeiträge, von der Pro Helvetia oder vom Kanton St. Gallen, wo Sie damals wohnten, erhalten. Was bedeutete dies für Sie?
Das Geld ermöglichte mir, neben dem Schreiben etwas weniger zu arbeiten. Trotzdem war ich um die Erwerbsarbeit als Journalistin, in der Erwachsenenbildung oder jetzt in Bern als Dozentin an der Hochschule der Künste immer froh. Ich brauchte etwas neben dem Schreiben, das mich in der Wirklichkeit hält. Auch weil ich sehr langsam schreibe und lange an meinen Texten feile.

Könnten Sie denn vom Bücherschreiben leben?
Als allein erziehende Mutter mit drei Kindern war mir dies natürlich nicht möglich: Mit Büchern verdient man nicht viel. Inzwischen sind die Kinder erwachsen, aber ich möchte noch immer nicht auf die Erwerbsarbeit verzichten. Wie gesagt: Ich brauche dieses Andere neben dem Schreiben.

Keines Ihrer Bücher wurde ein Bestseller. Sind Sie darüber enttäuscht?
Meine Bücher sind ja auch eher verhalten und leise, deshalb können sie wohl auch schlecht Lärm machen. Aber ich fühle mich gut aufgenommen, auch von der Kritik: Einen Totalverriss habe ich noch nie erhalten.

Sind Ihnen Rezensionen wichtig?
Sie helfen mir, meinen Platz zu finden, und sind ein Echo auf meine Arbeit. Besprochen zu werden, heisst wahrgenommen zu sein. Was ich nicht mag, sind Schwarz-Weiss-Rezensionen, die keine Zwischentöne kennen: Ein Buch ist ja nie nur gelungen oder nur misslungen.

Ist die Schweiz ein Brachland für Bücher, ihre Autoren und Leser?
Wenn ich die Verlagssituation ansehe, ist die Lage in der französischen und der italienischen Schweiz für die Autorinnen und Autoren sehr schwierig. In der Deutschschweiz erscheint mir die Szene lebendig: Hier sind auch viele kleine Verlage aktiv, wie etwa Martin Wallimann in Alpnach.

Sollten die Verlage gefördert werden?
Vor allem die Leseförderung ist dringlich. Aktionen wie «eine Stadt liest ein Buch» setzen etwas in Bewegung. Und Leute zum Lesen zu bringen, scheint mir das Allerwichtigste.

Sie haben als Präsidentin von Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS) das Schweizer Literaturinstitut in Biel mitrealisiert: Lässt sich Schriftstellersein eigentlich erlernen?
Ziel des Instituts ist nicht, Schriftsteller auszubilden. Der Bachelor-Studiengang heisst «Literarisches
Schreiben», und wer ihn besucht, beschäftigt sich in allererster Linie drei Jahre lang mit Sprache. Das heisst mit Lesen, Schreiben und Vergleichen. Man arbeitet zwar mit einem Mentor zusammen an eigenen Texten. Aber oh jemand auf diese Weise auch tatsächlich zum Schriftsteller wird, das wird sich dann erst später weisen.

Aber aus den eigenen Texten sollen doch Bücher entstehen?
Im jetzigen Abschlussjahrgang – es sind die ersten Studentinnen und Studenten, die abschliessen werden -
gibt es schon einige, die bereits während ihres Studiums mit eigenen Büchern hervorgetreten sind. Aber die Aufgabe des Literaturinstituts ist es nicht, den Studierenden zu Buchpublikationen zu verhelfen.

Was ist denn sonst das Ziel?
Es geht um die Auseinandersetzung mit Texten, zusammen mit Leuten, die schreiben und Einblick in ihre eigene Arbeit geben. Wer «literarisches Schreiben» studiert, erhält die Gelegenheit, sich intensiver mit dem eigenen Schreiben zu beschöftigen, er erhält ein Echo und kann auf diese Weise das Handwerk besser erlernen.

Hätten Sie sich eine solche Ausbildung gewünscht?
Ja, genau das hätte ich machen wollen: mich über meine Texte mit jemandem austauschen. Ich habe lange sehr isoliert für mich geschrieben. Man kann nicht alles lernen, aber es gibt durchaus Aspekte, die sich lernen und vermitteln lassen. Alleine lernt man es durchs Schreiben, durch die Erfahrung und durch das Lesen. Ich selber habe am meisten gelernt durch das wirklich ausgiebige Lesen.

Was lehren Sie an der Hochschule in Bern?
Ich arbeite mit Studentinnen und Studenten der visuellen Kommunikation und der Kunst zusammen im Modul «Text». Dabei halte ich mich eigentlich mehr an das Lesen als an das Schreiben. Ich mag die Arbeit mit jungen Leuten sehr. Sie stehen an einem ganz anderen Ort im Leben als ich, und ich lerne unendlich viel von ihnen.

Sie leiten auch Schreibwerkstätten?
Ich arbeite sehr gerne mit «Laien» zusammen, wenn das hier der richtige Ausdruck ist. Und ich habe auch schon ein paar Leute in meinen Schreibwerkstätten entdeckt, die inzwischen Bücher publizieren.

Quelle: Neue Luzerner Zeitung, 22. November 2008

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  Website: Nina Stössinger

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